Montag 23.11.2009
Ich will nicht mehr. Heute ist Tag 82 meiner großen Reise und der bisherige absolute Tiefpunkt. Nach der gestrigen Hitzehölle hat es sich heute auf 18 Grad runter gekühlt (das macht einen Temperaturunterschied von sage und schreibe 25!!! Grad Celsius) und es regnet wie aus Eimern. Ich habe Kopfschmerzen und fühle mich einfach nur schlecht und komplett kraftlos. Mein täglicher Anruf bei den verschieden Agenturen war wie immer nicht von Erfolg gekrönt. Ich habe einfach keinen Bock mehr. Das Sydney nicht gerade billig ist und es mit den Jobs nicht einfach werden würde war mir vor dem Antritt meiner Reise bewusst. Doch es ist einfach nur deprimierend seine ganze Kraft in die Suche von Jobs zu stecken, keine zu bekommen und dann noch zu sehen wie die hart erarbeitete Reisekasse immer kleiner wird. Gerade bin ich in der Stimmung alles hinzuschmeißen, meine restliche Reisekasse zu nutzen um die australischen Highlights, wie Frasier Island, den Uluru und das Great Barrier Reef zu sehen und dann postwendend wieder nach hause zu fliegen. Ich habe mich schon nach Studiengängen und Praktika informiert, den wenn ich im Februar wiederkommen sollte es ja dann losgehen mit meiner Zukunftsbildung losgehen. Gerade habe ich eine ganze Packung original deutsche HARIBO Gummibärchen gegessen, die ich mir für schlechte Zeiten aufgehoben habe. Glaube jetzt war der richtige Zeitpunkt sie zu essen. Mal schauen ob sie etwas helfen. Ich nehme jetzt erstmal eine Kopfschmerztablette (Nein, ich mache keine Schleichwerbung für Aspirin) und lege mich wieder ins Bett mit der Hoffnung, dass morgen früh wieder alles besser ist.

Dienstag 24.11.2009
Keine Kopfschmerzen mehr und es hat auch aufgehört zu regnen. Ich fühle mich immer noch etwas schlaff, aber es geht bergauf. Da das Aufgeben einfach nicht in meiner Natur liegt und man nicht an den Niederlagen gemessen wird sondern daran ob man danach wieder aufsteht habe ich mich entschlossen weiterzumachen. Wenn ich jetzt alles hinschmeiße würde ich es irgendwann in der Zukunft bereuen und mich nur unendlich über mich selber aufregen. Der Plan sieht folgendermaßen aus:

I.Es werden alle Agenturen in denen ich bin anrufen und nochmal richtig Dampf gemacht.
II.Das Jobboard im Hostel wird ab telefoniert.
III.Türklingen putzen gehen und in jedem Restaurant und Café in Glebe und Umgebung fragen, ob sie einen jungen dynamischen Deutschen brauchen können.
IV.Falls I-III erfolglos sein sollten stelle ich mir auf die Straße und singe.

Punkt I meines gut durchdachten Plans schlug fehl. Wozu bin ich eigentlich bei den Agenturen angemeldet, wenn sie mir sowieso keinen Job geben? Naja, egal. Auf zu Punkt zwei des Plans.

Nach zwei Absagen rief ich bei Mike an.
M: Hallo
C: Hi, hier ist Chris, ich habe deinen Flyer im Hostel gesehen und wollte fragen ob du noch einen Arbeiter brauchen kannst.
M: Ja, kann ich. (Juhu, aber nicht zu früh freuen.)
Wie alt bist du den und hast du schon einmal auf dem Bau gearbeitet?
C: Ich bin 20 und habe hier in Australien schon für eine Abrissfirma gearbeitet.
M: O.k. Du bist in Glebe richtig?
C: Ja.
M: Ich rufe dich in einer Viertelstunde noch einmal an, ich hab jemanden der dich vielleicht mitnehmen könnte.
C: O.k. Bis gleich

Oh mein Buddha, wie geil wäre das den, wenn es klappen würde. Aber nicht zu früh freuen, noch habe ich keine Zusage. Die 25 Minuten warten auf den Anruf kamen wir wie eine Ewigkeit vor. Warum sagt der auch fünfzehn Minuten wenn es dann doch fast eine halbe Stunde ist?

M: Hi Chris, Mark holt dich morgen früh um 6:30am vor dem Hostel ab. Bis morgen.
C: Dankeschön und bis morgen.

Juhu. Jetzt mal schnell ins Bett, morgen früh aufstehen und schauen ich auch wirklich abgeholt werde.

Freddi's Wäsche

So sieht es aus, wenn Freddi seine Wäsche im Zimmer trocknet.

Sonntag 29.11.2009
Was für eine Woche. Vom Arbeitslosen zum Workaholic. Einen größeren Wandel in wenigen Tagen geht fast nicht. Doch nun erstmal zum Anfang.
Am Mittwoch wurde ich um 6:30 Uhr von Mark abgeholt. Mit dem Pick-Up ging es dann über die Harbour Bridge in den Stadtteil Cremorne. Wir hielten an einem kleinen Einfamilienbacksteinhaus und stiegen aus. Nach einer kurzen Einweisung durch Mike ging es auch schon los. Meine Aufgaben bestanden eigentlich nur darin den ganzen Tag große Holzbalken und Holzlatten von A nach B zu tragen und den beiden immer wieder immer wieder die richtigen Werkzeuge zu bringen. Was sich anfangs etwas schwierig gestaltete, weil ich natürlich keine Ahnung von den englischen Bezeichnungen für Spitzhacke, Brecheisen,…. hatte. (Warum lernt man so was auch nicht im Englischunterricht) Als mein Arbeitstag zu Ende war wartet noch eine Überraschung auf mich. Wie bei den bisherigen Jobs dachte ich, dass es wieder nur ein Eintagesjob war. Doch Fortuna war mir hold. Mike meinte nach Feierabend: „Du hast heute sehr gute Arbeit geleistet, wir sehen uns morgen früh wieder. Wie sieht es bei dir in den nächsten drei Wochen aus? Ich könnte dich hier gut gebrauchen.“ Endlich ein Job der länger als einen Tag geht. Der Tiefpunkt war überwunden und ich war auf dem direkten Weg wieder nach oben. Und es sollte noch besser kommen.

Am Donnerstag durfte ich wieder Holz, Steine und Bauschutt schleppen. So doof es sich anhört, aber es machte einfach nur Spaß. Ich hatte endlich Arbeit gefunden, die lange Durststrecke und die quälende Jobsuche hatten endlich ein Ende. Eine halbe Stunde vor Arbeitsende klingelte mein Handy. Als ich auf dem blinkenden Display „Alseasons“ las, dachte ich mir nur, was wollen die jetzt auf einmal von mir. „Hi, Chris. Hier ist Michelle von Alseasons. Wir haben einen Last-Minute -Call rein bekommen. Es ist eine VIP Party im Staatstheater in der Stadt von 6pm-12am. Möchtest du den haben?“ Natürlich wollte ich den haben.
Nachdem ich im Hostel angekommen musste ich mich erst einmal rasieren und duschen. Seit letzten Freitag habe ich mich ziemlich gehen lassen und nicht mehr rasiert. Neugeboren ging es dann zu Fuß zum Staatstheater. Dort angekommen bekamen wir wie so oft eine Einweisung. Es war die Weihnachtsfeier von M&C Saachi, DIE Werbeagentur in Australien. Ich und fünf andere von Alseasons waren dafür verantwortlich die Canapés unter die Leute zu bringen. Es hab drei Küchen, die über das komplette Theater verteilt wurden. Der Ablauf des Abends sah folgendermaßen aus:Saachi 2

19:00 Uhr: Die Gäste werden durch einen Hintergang zwischen die Hochhäuser gelotst. Sie haben keine Ahnung, dass die Feier im Staatstheater stattfindet. Sie werden mit Begrüßungsdrinks und den „Anfangs Canapés“ versorgt. Unter den „Anfangscanapés “ waren unter anderem Krabbenküchlein, Feige mit Büffelmozzarella und frisch gegrillte Lamm spieße mit Limonen ,Zitronen. Knoblauchsoße,… Ein DJ spielte Musik.

19:30 Uhr: Die verschiedenen Pizza Canapés starteten.

20:30 Uhr: Hinter dem weißen Vorhang begannen Tänzerinnen zu tanzen, wobei man nur die Schatten auf dem Weißen Vorhang sah.

Saachi 1

21:00 Uhr: Der Vorhang fiel und die Gäste durften in die Eingangshalle des Staatstheaters. Die kalten Canapés starteten,(frische Austern, Fisch, uvm) wobei die Pizza und die „Anfangscanapés “ weiterhin unter die Menge gebracht werden mussten. Ein weiterer DJ drinnen startet mit seiner Musik.

22:00 Uhr: Die „Anfangscanapés “ wurden gestoppt und die gleiche Küche begann mit den „Hauptcanapes“ (Fish and Chips, Italienische Fleischbällchen mit Parmesankäse, Portugiesische Miniburger,….)

24:00 Uhr: Ende der Canapés. Feierabend für die Leute von Alseasons.

Was ein Abend. Wir waren sechs Leute für drei Küchen die in den unterschiedlichsten Richtungen langen. 21 verschiedene Canapés und um die 600 Leute. Sprich einer von uns musste um die 100 Leute versorgen. Ich bekam die Hauptküche zugewiesen, die für die Anfangs und Haupt canapés verantwortlich war. Natürlich lag diese Küche am weitesten von den Gästen entfernt und so musste ich jedes mal durch ein unterirdisches Labyrinth kämpfen. Die Wegstrecke die ich pro Platte Canapés zurücklegte lag ungefähr bei 500m (2x150m unterirdisches Labyrinth + 200m weg durch die Menschenmassen und Anbieten des Essens.) Ich habe keine Ahnung wie viel ich gelaufen bin, aber es war verdammt viel.
Aber es hat sooooooooooooo viel Spaß gemacht.Die Leute waren einfach super drauf, super Stimmung und es war einfach nur toll. Nicht zu vergessen war das weltklasse Essen. Wir bekamen natürlich am Ende etwas zu essen. Aber woher sollte ich das den wissen. Weil ich die ganze Zeit Hunger hatte, hatte ich einen kleinen Trick wie ich doch immer wieder zu einer kleinen Häppchen des köstlichen Essens kam. Wenn nur doch wenige Stückchen auf der Platte waren, hielt ich die kleinen Handservietten mit dem Daumen fest und diese verdeckten dann immer das letzte Canapés. Welches dann komischerweise, wie von Zauberhand, auf dem Weg zurück in die Küche verschwand. Nachts um zwei fiel ich dann tot müde in mein Bett.

Saachi 3

Nach nur vier Stunden Schlaf summte es wieder aus meinem Handy „Goodbye to your little white lies“. Ich wollte einfach nicht aufstehen. Meine Füßen taten weh und ich war einfach nur müde.

Freitag war ziemlich warmer Tag und deshalb machte Mark, weil Mike nicht da war, ziemlich ruhig auf der Baustelle. Worüber ich nicht gerade traurig war. Die Aufgabe heute war außerdem mal eine kleiner Herausforderung. Ich musste die Fenster mit samt Rahmen aus dem Mauerwerk herauslösen. Hört sich nicht spektakulär an, aber die Australien sind richtige Einfallspinsel. Wenn die ein Haus bauen, mauern sie die Fenster in das Mauerwerk hinein, was meine Aufgabe dann um einiges erschwerte. Alseasons rief mir dann Abends noch an und gab mir einen Job für Samstag.

Gestern habe ich dann einer schottischen Schule gearbeitet. Es war die Pensionierung des Direktors. Wie schon am Donnerstag war es meine Aufgabe Essen unter die Leute zu bringen. Auch dieses mal gab es am Ende wieder für uns Essen. Es war wieder weltklasse. Wenn ich weiterhin solche Jobs bekomme werde ich noch richtig anspruchsvoll mit dem Essen. Und das würde meiner Reisekasse auf keinen Fall gut tun.

Vollkommen erschöpft von der Woche der Gefühlsachterbahn schlief ich heute erst einmal bis 15 Uhr. Ein Highlight wartete dann aber doch noch auf mich. Ich war beim Handballtraining der UTS (University of Technology Sydney). Die Halle ist auch wieder eher ein Bunker mit Sportgeräten als eine richtige Sporthalle. Aber ich kann es den Australien nicht verübeln die Nationalsportarten sind nunmal Cricket, Rugby, Surfen und Golf und leider sind das alles Outdoorsportarten und da braucht man dann keine Sporthallen. Ich habe schon sehr viele Sporthallen gesehen, aber ich habe noch nie einequadratische Sporthalle gesehen. Wie kommt man auf die Idee eine quadratische Sporthalle zu bauen? Die Jungs dort sind vor allem gebürtige Kroaten, Ungarn,…. es gibt nur ein Australier und mit mir jetzt den einzigen Deutschen. Nach dem ersten Training kann ich schon sagen, dass ich mich im Team verdammt wohl fühle. Oh man, wie geil wäre das wenn ich auch ein Saisonspiel machen dürfte.

Darling 1

Das samstägliche Feuerwerk am Darling Harbour.

Darling 2Jetzt habe ich Zeit davon zu träumen. Muss ins Bett. Morgen um 6am ist die Nacht rum und es geht wieder auf den Bau. Was für eine Woche geht zu Ende.

Bis dann.

Euer

Chris