Donnerstag 3.12.09
Nach der mehr als anstrengenden vergangen Woche ging es diese genauso weiter.
Montagmorgen hat mich Marc abgeholt und es ging wieder auf die Baustelle Holz und vor allem Schutt durch die Gegend schleppen. Doch seit gestern habe ich eine neue Aufgabe: Brick Cleaning. (Steine sauber machen). Die Steine von den eingerissenen Wänden sollen sauber gemacht und dann wieder verwendet werden. Ein neuer Backstein kostet 1,50 Dollar. Mich die Stein recyclen zu lassen ca. 45 Cent. Da Mike ein alter Fuchs ist und natürlich die Kosten minimieren will hat er eine Brick-Cleaning-Maschine geliehen. Dieses Ding ist eine sehr interessante Erfindung. Fünf Stahlbolzen werden durch Druckluft betrieben. Man muss „nur“ den Stein dagegenschieben, damit die Bolzen den alten Mörtel herunter hämmern. „Nur“ ist gut. Es ist eine ziemlich anstrengende Arbeit, vor allem bei 38 Grad im Schatten. Aber wozu hat man den sonst einen armen Reisenden aus Deutschland. Jeder der an der Baustelle vorbeigefahren ist muss sich auch gedacht haben „was für ein Wesen arbeitet den da auf dem Bau. Um mich vor der Sonne zu schützen hatte ich mir ein T-Shirt über den Kopf gezogen und in das andere Shirt reingesteckt um mein Genick und die Ohren zu schützen. Dann noch eine Mütze und schwarze Sonnenbrille auf. Meine Arbeitshose so tief wie möglich und die Socken so hoch wie möglich gezogen, damit der Hautkrebs ja nicht auf die Idee kommt, er könnte sich mit mir anfreunden. (Leider gibt es von diesem Wesen auf dem Bau kein einziges Foto) Ich habe zwar geschwitzt wie noch was, aber besser als Sonnenbrand. Morgen darf ich wieder als Kellner bei einer Veranstaltung arbeiten, in einer hoffentlich klimatisierten Umgebung. Ist schon ein richtiger Kontrast, vom verschwitzen, dreckigen Bauarbeiter zum im Anzug arbeitenden und sehr gepflegt aussehenden Kellner für die Oberschicht. Aber es macht einfach Spaß und ich fühle mich wieder als vollkommenes Mitglied der Gesellschaft.

Sonntag 6.12.09
Heute ist Nikolaus und ich hatte keine Schokolade, Nüsse oder Süßigkeiten in meinen Schuhen. Das erste Mal seit 20 Jahren hat er mich vergessen. Das gibt erstmal einen richtig schönen Beschwerdebrief.

Am Freitag durfte ich wieder als Kellner für Essen agieren. Es war die Pensionierungsfeier des Direktors der Knox Grammar School, einer schottischen Privatschule nur für Jungen. Es ist richtig cool zu Dudelsackmusik das Essen unter die Leute zu bringen. Natürlich gab es für die Gäste nur das Feinste vom Feinsten und da ich mich auf Anhieb mit dem Küchenchef sehr gut verstanden habe lagen nach der Feier noch ein paar Spezialitäten für mich auf einem Teller. Ich mag solche Jobs viel mehr wo man Essen bekommt. Natürlich ist Trinkgeld auch nicht schlecht, aber erstens geben Australier normalerweise kein Trinkgeld und zweites kann ich mir für das was ich bekomme natürlich nicht solche teuren und luxuriösen Speisen leisten.

Gestern bekam ich einen Job im ANZ Stadium zugeteilt. Ich wusste nicht was mich dort erwartet und stieg einfach in den Zug zum Olympischen Park. Als ich dort ankam hörte ich Motorengeheule und sah große Tribunen. Dieses Wochenende fand das V8 Supercar Rennen ( kann man mit der DTM bei uns vergleichen) im Olympischen Park in Sydney statt. Nach langen Suchen fand ich endlich das Häuschen, wo man mir meine Zugangsarmbändchen für Mitarbeiter aushändigte. Ich hatte nun Zugang zu allen Bereichen und durfte an jeder Security einfach lächelnd vorbeilaufen. Wir wurden in die Katakomben des ANZ Stadions geführt wo wir erst einmal eingekleidet wurden und dann eine Stunde auf das Briefing warten mussten. Es sollte ein Rockkonzert in der Arena stattfinden und wir waren als „Lageristen“ angestellt. Die nicht so genaue Beschreibung meines Arbeitsplatztes kostete mich dann noch einmal eine halbe Stunde und eine Ehrenrunde durch das unterirdische Labyrint des Stadions. Das ANZ Stadion ist kein normales Stadion. Es war wärend der Olympischen Sommerspiele 2000 in Sydney das Hauptstadion mit den großen Feiern und allen Leichtathletikwettbewerben. Bei meinem heutigen Chef Sugi angekommen ging es dann sofort los. Die Aufgabenstellung hörte sich eigentlich ganz einfach an. Die verschiedenen Buisness Suiten/Lounges schickten eine E-Mail an das Lager, wenn ihnen Getränke jeglicher Art ausgingen.. Ich bekam den Zettel, ging damit ins Kühlhaus, lud den Wagen voll und brachte dann die Getränke meinen Kollegen in den Suiten. So weit so gut. Ich hatte zusammen mit meinem Nepalesischen Kollegen zwei Stockwerke und insgesamt um die 90 Suiten zu versorgen. Klingt eigentlich nicht viel nur das Problem war, dass die Jungs und Mädels immer nur genau das bestellten was sie gerade brauchten und nicht schon im vorausschauend dachten und bestellten. Einr typischer „Lauf“ sah z.B. so aus:
Suit 245: 6 Dosen Cola Suit 262: 6 Flaschen Wasser, 1 Flasche Sauvignon Blanc Suit 211: 12 Dosen Bier Suit 222: 6 Dosen Sprite , 1 Flasche Shiraz
Dadurch, dass nicht vorausschauend und nicht in größeren Mengen bestellt wurde, war es dann oft so, dass ich kaum einen Lauf beendet hatte, mindestens eine der Suiten, welche ich gerade in diesem Lauf beliefert hatte schon wieder eine Bestellung ans Lager geschickt hatte oder sogar als die Bestellung ablieferte mir einen Zettel mit weiten Bestellungen in die Hand drückte. Diese handgeschriebene Zettel hätte ich so eigentlich nicht annehmen dürfen, aber ich bin ja ein freundlicher Mensch und da die eine Hand die andere wäscht, bin ich dann so immer wieder zu kleinen leckeren Häppchen bekommen. Sugi meinte, dass er schon seit 5 Jahren hier arbeitet, aber es heute der schlimmste Tag war, den er hier je erlebt hat. Der Bestellungsstrom wollte nicht abrreisen doch irgendwann meinte Sugi:“ Chris, hol mir mal bitte eine Flasche Chardonnay aus dem anderen Lager da hinten.“ Ich also ins andere Lager und in dort war weit und breit kein Wein zu finden nur ein Teller mit leckerem, komischerweise warmen Essen. Als ich mich gerade wieder umdrehen und zurückgehen wollte stand Sugi in der Tür: Enjoy, but no word. (Genieß es, aber kein Wort). Sugi, ein super Typ.
Danach ging es dann wieder in Rekordzeit durch die Gänge und Suiten des Stadions. Hätte ich an gleicher Stelle nur neun Jahre zuvor eine solch sportliche Höchstleistung erbracht, wäre es eine weitere Gold für das deutsche Team gewesen.
Nach 6h rennen war dann endlich Feierabend. Meine Füße konnten mich gerade noch so zum Zug und dann nochmal eine halbe Stunde von der Central Station bis in mein schönes weiches Bett in Glebe tragen.

Heute schlief ich dann erst einmal wieder bis in die Puppen und ging vorhin wieder in der quadratische Halle zum Handballtraining mit dem UTS Team.

Was bleibt als Fazit dieser Woche stehen?
Ich habe es geschafft. Ich habe das tiefe Tal überwunden und das geschafft was ich mir vor der Reise vorgenommen hatte. Ich arbeite nun sechs Tage die Woche in einem fremden Land. Ein Land das flächenmäßig so groß ist wie Europa jedoch nur 18Mio Einwohner hat. Ein Land das gleichzeitig auch ein Kontinent ist. Ich habe mich vom Reisenden in einen Einwohner verwandelt.. Jetzt bin ich wirklich am anderen Ende der Welt angekommen.
Ich lebe und arbeite in Sydney, Australien.

Euer
Chris